11.01.2021

Interview mit Dr. Mathias Ginter

Bei unserer Recherche zu Bioabfall, Kompostieranlagen und Kompost sind wir u.a. der Frage nach dem Wert von Biomüll und Kompost nachgegangen. Dabei sind wir auf das Biomassezentrum im Neckar-Odenwald-Kreis gestoßen und konnten den Geschäftsführer der Abfallwirtschaftsgesellschaft des Neckar-Odenwald-Kreises mbH (AWN), Dr. Mathias Ginter, für ein kurzes Interview begeistern. In diesem 20-minütigen digitalen Gespräch haben wir uns über das Biomassezentrum, die Veredelung von Grünabfällen, das Müllproblem, regionale Kreislaufwirtschaft und den Mehrwert unseres Kompost-Bike Projekts unterhalten.

Klassischerweise wird in Deutschland der Kompost aufgrund niedriger Qualität zum Null-Tarif an die Landwirtschaft abgegeben. Das Ziel des Biomassezentrums ist es jedoch, wirklich hochwertige Produkte herzustellen, die vielfältig einsetzbar sind und zu einer Verbesserung des Bodens aber auch in der Tierhaltung beitragen. Da im Neckar-Odenwald-Kreis überdurchschnittlich viel Grünschnitt anfällt, enthält die Produktpalette auch Hackschnitzel, die natürlich beim Biomüll aus der Biotonne nicht anfallen. Weiterhin werden Nährhumus und Pflanzenkohle mit modernster Technik produziert. Gerade diese Pflanzenkohle kann für verschiedene Zwecke verwendet werden. Zum einen verbessert sie, der Erde beigemischt, die Speicherfähigkeit dieser. Zum anderen ist sie Tierfutter-zertifiziert, was bedeutet, dass sie auch Tierfutter beigemischt werden kann, wo sie positive Auswirkungen auf die Verdauung der Tiere hat. Beigemischt in die Einstreu im Stall verbessert sie zudem die Flüssigkeitsaufnahmekapazität der Einstreu. Der Haupteinsatzort bleibt bei dieser Form der Veredelung jedoch die Landwirtschaft. Der im Biomassezentrum hergestellte Nährhumus findet hingegen auch private Abnehmer*innen. Wer seinem Boden noch den ultimativen Kick verleihen möchte, verwendet Terra Preta. Diese „Wundererde“ geht noch über den Effekt von Nährhumus hinaus und befindet sich momentan in der Entwicklung. Ihre Speicherfähigkeit von Wasser und Nährstoffen ist noch besser und es können gerade auch im städtischen Bereich tolle Ergebnisse erzielt werden, zum Beispiel bei der Pflanzung von Bäumen. Werden diese Herstellungsprozesse ordnungsgemäß durchgeführt entsteht dabei nahezu kein Methangas und auch der CO2-Ausstoß kann gering gehalten werden.

Bei einem Bokashi-Workshop in der Kulturküche Karlsruhe sind wir zum ersten Mal mit Karlsruher Komposterde in Kontakt gekommen. Das Ergebnis: ernüchternd. Von sauberer, toller Erde kann hier wirklich keine Rede sein. Die Plastikstückchen, die uns aus dem Sack entgegenkamen, waren teilweise Zeigefinger-groß. Von unserem Experten Dr. Mathias Ginter haben wir gelernt, dass guter Kompost recht neutral riechen soll, leicht erdig. Auch das konnten wir von diesem Sack nicht behaupten. Die Erde hat eher muffig und unangenehm gerochen. Das Plastik kommt wohl aus den Biotonnen der Stadt und ist auf unzureichende Mülltrennung der Bürger*innen der Stadt zurückzuführen. Dadurch, dass im Biomassezentrum nur Grünabfälle verarbeitet werden geht die Verunreinigung durch Plastik gegen Null. 

Ein weiteres Anliegen von Herrn Dr. Ginter ist das regionale Stoffstrommanagement. Es geht darum regionale Stoffkreisläufe zu schließen mit dem Ziel dabei auch Energie zu erzeugen und so unabhängiger zu werden. Wenn vor Ort Energie erzeugt werden kann, wird auch der Kaufkraftabfluss des Landkreises reduziert. Diese Energie kann zum Beispiel in Biogasanlagen gewonnen werden oder durch solar- oder hackschnitzelbetriebene Wärmenetze. 

Zu guter Letzt haben wir noch kurz über das Kompost-Bike gesprochen und uns vom Experten bestätigen lassen, dass es bei diesem Projekt besonders wichtig ist, dass die Leute sehen, was am Ende für ein Produkt entsteht. Unsere Arbeitsprozesse müssen transparent sein, damit ein Bewusstsein für den Wert von gutem Kompost geschaffen wird.